Politik und du – das Kultusministerium hakt in seiner Jugendstudie nach

Ein Artikel von Tomma Profke (Team Tomorrow)

Zum fünften Mal hat das Kultusministerium, der Landesschülerbeirat und die Jugendstiftung Baden-Württemberg 2020 eine eigene Jugendstudie herausgebracht, die in einer umfassenden Umfrage Jugendliche aus ganz Baden-Württemberg nach ihren Wünschen, Träumen und Bedürfnissen fragt.

Über 2.300 Jugendliche aus Baden-Württemberg zwischen 12 und 18 Jahre, die sich auf die unterschiedlichsten Schularten verteilen, wurden dafür befragt. In Bezug auf die letzte Jugendstudie vor drei Jahren sind die Ergebnisse 2020 stabil geblieben. Die Studie zeigt, dass den Jugendlichen Familie, Gesundheit und Freundschaften sehr wichtig sind und über 80 Prozent der befragten Jugendlichen fühlen sich in ihrer Schule und in ihrem Klassenverband wohl. Außerdem engagiert sich ein Drittel der Jugendlichen in Baden-Württemberg ehrenamtlich.

Zum ersten Mal wurde in einem Kapitel auch ihr politisches Verhalten befragt. Sind sie an politischen Themen interessiert? Was ist ihnen in diesem Bereich wichtig? Sind sie zufrieden mit der Demokratie, in der sie leben? Aus den Ergebnissen sollen sich wichtige Rückschlüsse für die Jugend- und Bildungspolitik ziehen lassen. Hier eine kleine Zusammenfassung der Ergebnisse aus dem Kapitel „Politik und du“:

  • Mehr als ein Fünftel der Befragten sind in ihrer Schule oder an ihrem Wohnort bei politischen Themen aktiv. Bei der Befragung kam jedoch im Kapitel „Engagement“ heraus, dass nur ein Prozent der Befragten sich im Bereich Politik ehrenamtlich engagieren oder ein politisches ehrenamtliches Amt bekleiden. Hier lässt sich erkennen, dass sich viele Jugendliche über Initiativen, Bewegungen, bei Demonstrationen oder in der Schule politisch einbringen, jedoch nicht in Parteien oder etwa bei Jugendräten aktiv sind.
  • Die Bereiche, in denen sich Jugendliche aus Baden-Württemberg besonders häufig einbringen sind Umwelt und Menschenrechte. Das zeigen Bewegungen wie Fridays for Future oder Black Lives Matters sehr deutlich, die vorwiegend von Jugendlichen organisiert und angeführt werden. Bemerkenswert ist dabei, dass das Engagement der Befragten je nach Schulart und familiärem Hintergrund nicht sehr voneinander abweichen.
  • Über 65 Prozent geben an, dass ihnen politische Themen wichtig oder sogar sehr wichtig sind. In der 2019 erschienenen Shell-Jugendstudie, die den Titel „Eine Generation meldet sich zu Wort“ trägt, wird dieser relativ hohe Politisierungsgrad der aktuellen Jugend ebenfalls bestätigt.
  • Der Schnitt, der politisch interessierten Jugendlichen in Baden-Württemberg ist im Bundesdurchschnitt sogar noch ein bisschen höher.
  • Dennoch zeigen etwa 30 Prozent der Befragten kein Interesse an politischen Themen, was ein Indikator für den Bedarf an zielgruppengerechten Angeboten zur politischen Bildung sein sollte.
  • Gymnasiasten zeigen ein deutlich höheres Interesse an politischen Themen. Dahingegen gibt jede:r zehnte Haupt- und Werkrealschüler:in bei Fragen zur Politik gar keine Antwort, was auf ein geringes Zutrauen in die Politik oder in ihre Meinung über Politik hinweist. Auch eine geringe politische Selbstwirksamkeit bei Jugendlichen mit geringem Bildungsgrad könnte dazu führen, dass sich Jugendliche zum Thema Politik lieber nicht äußern möchten.
  • Es besteht zudem ein Gender Gap zwischen dem politischen Interesse und dem Zutrauen, politisch aktiv zu sein. Die befragten Mädchen halten zwar im Schnitt politische Themen häufiger für „sehr wichtig“, trauen sich aber deutlich weniger zu in diesem Bereich. Das ist auch wegen der nachgewiesenen höheren Kommunikationskompetenz bei Mädchen erstaunlich. Hier sollten spezifische Bildungsangebote ansetzen, um Mädchen zu mehr politischer Selbstwirksamkeit zu verhelfen.
  • 70 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sehr zufrieden oder zufrieden mit der Demokratie in Deutschland sind. Die Antworten von Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund weichen an dieser Stelle nicht voneinander ab. Doch schaut man sich die Antworten nach Schularten und Geschlecht an, gibt es doch deutlichere Abweichungen. Jugendliche mit geringerem Bildungsgrad und männliche Befragte sind im Schnitt unzufriedener mit unserer Demokratie. Bei den Mädchen ist der Anteil derer, die mit unserer Demokratie „sehr zufrieden“ oder „zufrieden“ sind, um mehr als zehn Prozent höher als bei den befragten Jungs.
  • Bei der Frage, ob es ausreichend jugendgerechte politische Bildungsangebote gibt, antworteten 54 Prozent der befragten Jugendlichen mit „Nein“. Dabei wird deutlich, dass vor allem Gymnasiasten schon häufiger ein außerschulisches Angebot zur politischen Bildung besucht haben als Jugendliche anderer Schularten.

Immer wieder wird in der Studie darauf hingewiesen, dass weiterführende Fragen an dieser Stelle hilfreich wären, um noch mehr über das politische Interesse und Verhalten von Jugendlichen zu erfahren – zum Beispiel, welche Vorstellungen sie bezüglich schulischer und außerschulischer Angebote der politischen Bildung haben.

Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre machen in Baden-Württemberg knapp 17% der Bevölkerung aus. Dennoch werden sie bislang oft nur unzureichend in politische Prozesse eingebunden. Die Studie empfiehlt Organisationen im Bereich politischer Bildungsarbeit, bei der Ausarbeitung von Formaten zu politischen Bildung mit Jugendlichen in den Dialog zu treten.

„Diese Ergebnisse zeigen: Vielen Jugendlichen sind politische Themen wichtig. Sie wollen mitgestalten und engagieren sich ehrenamtlich“, sagt Staatssekretär Schebesta MdL und führt aus: „Dennoch zeigt sich, dass wir alle – auch über das System Schule hinaus – dazu aufgefordert sind, nach Lösungen zu suchen, damit sich noch mehr Schülerinnen und Schüler von politischen Angeboten angesprochen fühlen.“

Im Podcast der Grünen Jugend BW habe ich mich mit Maja und Patrick über die Jugendstudie unterhalten und mit ihnen darüber diskutiert, wie man bessere Partizipationsmöglichkeiten für Jugendliche schaffen kann.
Zur Folge des Podcasts „Alles im grünen Bereich“ geht es hier: https://open.spotify.com/episode/4gnHZP3htVBHvxsVLMW8JA?si=oGRqSzPORuSwihEVNyYYnw

Wer mehr über die Jugendstudie des Kultusministeriums BW 2020 wissen möchte, findet das vollständige PDF hier:
https://km-bw.de/site/pbs-bw-km-root/get/documents_E1850112525/KULTUS.Dachmandant/KULTUS/KM-Homepage/Pressemitteilungen/Pressemitteilungen%202020/Jugendstudie_2020_200629_Onlineversion%20final.pdf

Das Kapitel „Politik und du“ findet ihr ab S. 54.


Bilder: Screenshots aus der Studie