Das Stuttgarter Nachtleben – was bedeutet das für dich?

Ein Artikel von Colyn Heinze (Gast-Autor)

Ist es die Erinnerung an vergangene Zeiten, wegen Corona oder einfach weil Du aus dem Alter raus bist? Ist es dein aktuell schmerzlich vermisstes Kulturprogramm eines jeden Wochenendes? Oder ist es der Lieblingsort von Dir und deinen Freunden, fürs Tanzen, Kennenlernen, und auch mal Abstürzen?

So viele Menschen man fragt, so viele Antworten bekommt man auf diese Frage. Oft geht es um inzwischen geschlossene Locations, legendäre Partys oder wilde Anekdoten. Das Nachtleben ist in der einzigartigen Situation Erinnerungsstifter und -vernichter in einem zu sein.

Wir als Club Kollektiv Stuttgart e.V. setzen uns dafür ein, dass diese Erinnerungen auch noch in der Zukunft entstehen können. Indem wir einerseits eine Netzwerkfunktion innerhalb der Szene bilden – unsere 45 Mitglieder sind Veranstalter, Clubs und Spielstätten jeglicher Art aus der ganzen Region. Durch Austausch und gemeinsame Ziele profitieren alle davon.

Indem wir andererseits diese Ziele und Interessen nach Außen vertreten, treten wir in eine inhaltliche Diskussion mit Kommunalpolitik, Verwaltung, Presse – im Endeffekt mit der gesamten Stadtgesellschaft.

Eine Beobachtung lässt sich in jedem Fall machen: Das Nachtleben gewinnt als Thema an politischer Bedeutung, man muss sich zu ihm verhalten. Die negativen Stimmen, die nur Problemlagen wie Müll, Lärm, Gewalt und Drogen sehen werden leiser oder verstummen ganz. Die interdependenten Themen sind wesentlich vielfältiger: Es geht um Wirtschaft, Kultur, Stadtplanung, und natürlich auch um Sicherheit. Auf viele dieser Bereiche hat ein florierendes Nachtleben positive Effekte.

So wird wirtschaftlich gesehen die Nachtökonomie ein immer relevanterer Faktor. In Berlin setzt nach einer Studie die Clubszene 1,48 Milliarden Euro jährlich um. Und auch als Standortfaktor für Studierende und junge Menschen im Berufseinstieg, und damit für die Attraktivität der ganzen Region, spielen die Ausgehmöglichkeiten eine Schlüsselrolle.

Die Nachtkultur wiederum ist die Existenzgrundlage für unterschiedlichste musikalische Genre in unserer Stadt, genauso wie Freiraum für Sub-, Pop-, und Offkultur.

Für viele junge Menschen gehört sie damit auch unweigerlich zur eigenen Sozialisation und Lebensrealität in einer Großstadt dazu. Egal ob ein besonderes Konzert, DJ-Gig oder einfach ein einzigartiger Abend – diese Ereignisse prägen und sorgen für Identifikation. Und das nicht erst seit 20 Jahren. Aufgrund dieser Erfahrungen ist auch, ein demografisch bedingt wachsender Teil der Kommunalpolitik zunehmend für das Thema sensibilisiert. Deshalb hoffen wir auch auf eine zukünftige Berücksichtigung clubkultureller Belange in der Stadtplanung, zum Beispiel bei der Entwicklung neuer Quartiere.

Und auch im Bereich der Sicherheit ist das Nachtleben, im Gegensatz zu den oben erwähnten negativen Assoziationen, ein anerkannter positiver Baustein des Sicherheitskonzepts. Bei den Ausschreitungen im Sommer diesen Jahres konnte man das beobachten. Auf der einen Seite sorgt die Diversität des Nachtlebens im Angebot normalerweise für ein diverses, ausgeglichenes Publikum, das als soziales Korrektiv für bestimmte aggressive Tendenzen in der Innenstadt dienen kann. Auf der anderen Seite sind die Sicherheitskräfte vor den Locations in den allermeisten Fällen Personen, die darauf achten, dass in der Umgebung negative Zwischenfälle gar nicht erst entstehen. Beide Bausteine haben in diesem Juni sichtbar gefehlt. Zusätzlich entwickelt sich das Themenfeld sicheres Nachtleben immer weiter. Dazu gehören eine verantwortungsvoller Umgang mit Betäubungsmitteln jeglicher Art, oder der Kampf gegen Gewalt und Belästigung, insbesondere Sexismus, Rassismus und Homophobie.

Ende 2019 waren wir deshalb richtig optimistisch: Die Koordinierungsstelle mit künftig zwei hauptamtlichen Mitarbeitenden für unsere Anliegen war beschlossen, der Live Music Fond als Veranstaltungsförderung war aufgesetzt, und ein spannendes Jahr 2020 mit vielen Zielen stand vor der Tür. Anfang März war dann klar: So geht es erstmal nicht weiter. Das erstmal erledigte sich dann schnell, und weiter geht es bis heute in keinster weise. Deshalb wurden Ersatzkonzepte wie “United we Stream” aufgesetzt, auf allen Ebenen um Hilfen geworben, und versucht immer wieder Perspektiven aufzubauen. Diese Perspektiven sind auch mit Blick auf 2021 unser zentrales Anliegen: Wenn es keine Möglichkeit gibt, im Sommer Ersatz- und Außenflächen zu bespielen, stehen viele Betriebe vor existenziellen Problemen und werden es nicht bis in den Herbst schaffen.

Mit unserem Papier “Return 2021” zur Gestaltung dieser Außenflächen haben wir uns bereits an den künftigen Oberbürgermeister, Kommunalpolitik und Verwaltung gewandt.

Jetzt gilt es die positiven Signale auch in reale Optionen umzuwandeln, damit Ihr euch alle in einem Jahr wieder so ausleben könnt, wie vor einem Jahr.

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