Kinder- und Jugendhäuser in der Pandemie Was passiert gerade hinter den geschlossenen Türen…?

Ein Artikel von Silvia Rehm und Ben Seidl von der Stuttgarter Jugendhaus gGmbH (Gast-Autor:innen)

“Montag 07:30 Uhr gehen im Jugendhaus die Rollläden hoch. D. steht pünktlich um 07:45 im Café, in dem eigentlich nachmittags und abends Jugendliche ein- und ausgehen. Er setzt sich an seinen Einzeltisch, packt das Ipad aus, das ihm die Schule geliehen hat, und loggt sich in moodle ein. Erste Stunde: Mathe – die Woche fängt gleich sportlich an. D. geht in die neunte Klasse G Niveau der Realschule und macht, wenn alles normal läuft, dieses Jahr seinen Hauptschulabschluss an der Realschule. Aber derzeit läuft nicht viel normal: „Schule zuhause geht echt net. Ich krieg das nicht hin wenn niemand da ist“ sagt D. Seit einer Woche macht er zusammen mit drei anderen Schüler*innen Schule im Jugendhaus. „Hier geht das besser, ich hab jemand der schaut, dass ich arbeite und der mir hilft wenn ich was net check.“ D und die drei anderen kommen jeden Schultag um 07:45 ins Jugendhaus und erledigen den Großteil ihrer Schulaufgaben dort. Betreut werden sie von einem pädagogischen Mitarbeiter der Einrichtung. „Schule zuhause ist eine riesige Herausforderung, der einige Schüler*innen einfach nicht gewachsen sind. Bei der einen fehlt es an Ruhe, Platz, oder technischer Ausstattung, bei dem anderen an Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz oder Unterstützung. Wir sind froh, dass wir helfen können.“ sagt der Sozialpädagoge M. Um 12:55 Uhr ist die Schule zu Ende, D. bleibt heute noch etwas länger: „Ich schreib heute noch Bewerbung mit M.“ – wir drücken die Daumen.”

Morgens um 7:30 Uhr?

Öffnet das Jugendhaus?

Aber seit dem 15.12.20 sind doch die Türen der Kinder- und Jugendhäuser für den freien Publikumsverkehr geschlossen, oder?
Der klassische offene Bereich der Kinder und Jugendhäuser ist seit Mitte Dezember tatsächlich geschlossen, aber als Einrichtungen der sozialen Fürsorge waren und sind wir schon immer mehr als nur die Freizeittreffs.

Unter bestimmten Vorgaben (u.a. Teilnahme nur nach einer verbindlichen Anmeldung, Unterschrift der Erziehungsberechtigten und natürlich unter strenger Einhaltung der geltenden Hygienemaßnahmen) finden also nach wie vor eine Vielzahl von Angeboten im Rahmen der sozialen Fürsorge in den Kinder- und Jugendhäusern statt.

Nahezu alle Kinder- und Jugendhäusern sind auch im Zeitrahmen ihrer Öffnungszeiten von Montag bis Freitag oder Dienstag bis Samstag mindestens 7-8 Stunden täglich erreichbar: persönlich vor Ort mit Termin, am Telefon oder in den sozialen Netzen. Von Woche zu Woche entsteht derzeit ein sehr abwechslungsreiches Programm mit viel Flexibilität, das sich sehr stark an den Bedürfnissen der Kinder und der Jugendlichen orientieren.

Diese Bedürfnisse sind sehr unterschiedlich und reichen von „ich versteh Mathe nicht“, über „ich brauche dringend mal jemand zum Reden“ bis hin zu „Wir können nirgends mehr hin“. So unterschiedlich die Bedürfnisse, so unterschiedlich erreichen wir unsere Zielgruppe:

Jugendliche kontaktieren uns via Telefon, social media oder direkt persönlich, auch wir suchen auf diesen Wegen den Kontakt.
Der Kontakt zu Familien und Kindern funktioniert ebenfalls über die sozialen Netzwerke, außerdem spielen hier Printmedien eine Rolle. Gut vernetzt sind die Einrichtungen auch mit Schulen und Schulsozialarbeit, so dass hier auch Unterstützungspakete auf kurzen Wegen geschnürt werden können.

“Jugendliche werden von uns direkt angesprochen. Oft kontaktieren sie uns. Das ersetzt zum Teil die Gespräche an der Theke im Jugendhausalltag oder beim Spielangebot. Wir bieten regelmäßig Liveangebote meist in Instagram wie Kochen, Challenges oder auch andere Formate, wie z.B. Einführung in das Graffiti, um einen Aufhänger für den Kontakt mit den Stammbesucher*innen oder auch neue Interessentinnen zu haben. Zum einen Teil melden sich interessierte Jugendliche live dazu, noch mehr erhalten wir Rückmeldungen nach den Angeboten. Bei den Rückmeldungen geht es zu 85 % um das persönliche Befinden oder um Anfragen für konkrete Hilfestellungen.

Grundsätzlich nutzen wir – neben den etablierten, analogen Kommunikationsmöglichkeiten –Messenger und Social-Media-Dienste zur Kontaktaufnahme und Kommunikation, u.a. sind dies WhatsApp, Signal, Threema, Instagram, Facebook, Twitter, TikTok, YouTube (auch deren Messenger und Kommunikationsfunktionen) unsere Webseiten und E-Mail, Skype, Zoom und MS-Teams (und auch deren Chatfunktionen) und vieles mehr.”

Die größte Reichweite hat vermutlich die zentral gestaltete Internetplattform ideenwerkstadt.net: Hier stellt regelmäßig eine Vielzahl von Einrichtungen Angebote in digitaler Form ein, die von Kindern und Jugendlichen genutzt werden können. Von Bastelangeboten, über Fitnesstrainings bis zur Mitmachaktion ist eine große Bandbreite an Zeitvertreib geboten.

Aber ganz ohne physischen Kontakt geht es nicht. Im Gegensatz zur ersten Phase des Lockdowns haben die Einrichtungen die Möglichkeit, Kinder und Jugendliche einzeln oder in Kleingruppen vor Ort zu beraten. Dieser persönliche Kontakt – auch mit Abstand und Maske – ermöglicht den Kolleg*innen eine ganz andere Ebene an Intensität als das digital möglich wäre. Abgesehen von der persönlichen Ansprache können die Häuser und deren Infrastruktur an sich genutzt werden.

Auf Basis der folgenden Rahmenrichtlinien haben die Einrichtungen unterschiedliche Angebotsstrukturen entwickelt:

  1. Sozialpädagogische Einzelbetreuung für Kinder und Jugendliche, auch im Rahmen von Spaziergänge im Sozialraum
  2. Gruppentraining für bis zu 5 teilnehmenden Kindern und Jugendlichen z.B. Soziales Lernen / Beratungs- und Hilfsangebote / Lernunterstützung / Kompetenztraining
  3. Vergabe von Entlastungsräumen („erweitertes Wohn –und Spielzimmer“) für Familien mit päd. Begleitung und nach Terminabsprache.
  4. Unterstützung „Schule“ in unterschiedlichen Formen
  5. Digitale Kommunikation
  6. Bildung digital
  7. Das Kinder- und Jugendhaus zum Mitnehmen
  8. Sonstiges

“Alle paar Tage ruft ein Vater an, der eines seiner drei Kinder (6, 10 und 13 Jahre) zur Einzelbetreuung anmeldet. Seit August leidet seine Frau unter einer schweren Depression, sie verlässt das Haus kaum noch und ist laut Aussagen der Kinder „nur am Handy und im Bett“. Die Familie ist auf ALG II angewiesen und lebt zu fünft mit drei Hunden in einer relativ kleinen 3-Zimmer-Wohnung. Der Vater ist mit der Situation zunehmend überfordert und auch die Kinder sind froh, wenn sie der Stimmung zuhause wenigstens stundenweise „entkommen“ können und im Jugendhaus eine Anlaufstelle haben.”

Der Lockdown stellt uns alle immer wieder auf’s Neue vor große Herausforderungen: Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Die Kinder- und Jugendhäuser erleben eine extrem dynamische Zeit, mit sich ständig wandelnden Herausforderungen. Die Mitarbeiter*innen versuchen stets das Beste für die Kinder und Jugendlichen herauszuholen und wagen sich teilweise weit in ungewohntes Terrain. Dabei ermöglicht es die Kreativität, die Flexibilität und unermüdliche Motivation der Kolleginnen und Kollegen, immer wieder kurzfristig schnelle Lösungen für neue Herausforderungen zu finden.

Mehr Informationen unter www.jugendhaus.net