Lebe wohl, Fisch! – Über eine Doku, die Spuren hinterlässt. 

Ein Artikel von Tomma Profke (Team Tomorrow)

Ich gebe zu: Meine ostfriesische Verwandtschaft, die in großen Teilen von der Fischerei lebt(e), habe ich lange als Ausrede benutzt, warum ich Fisch nicht, neben Fleisch, auch von meinem Speiseplan streiche. Einige Fische – Thunfisch, Heilbutt oder Seezunge zum Beispiel – vermied ich zwar weitestgehend, weil mir bewusst war, dass ihr Bestand dramatisch abgenommen hat oder der Beifang größtenteils aus Delphinen besteht. Auch Oktopoden wurden schon immer von mir verschont – allerdings nicht etwa, weil sie auf der Liste der intelligentesten Wesen unter den TOP 15 stehen, sondern wegen ihres absurden Aussehens. Früher hatte ich die Prämisse, nur schöne Tiere zu essen (auch Truthahn und Pute fielen damit schon immer raus). 

Jetzt habe ich die Prämisse, keine Tiere mehr zu essen. Und warum jetzt auch der Fisch geputzt ist und nicht mehr auf meinen Teller kommt, verdankt er der Netflix-Doku „Seaspiracy“. 

Spoiler-Alarm, für alle, die die Doku noch sehen wollen: Man fühlt sich wirklich schlecht danach. Gar nicht so sehr, weil man so viel Neues und Schockierendes erfährt oder wegen der Bilder von blutgetränkten Buchten in Japan und auf den Färöern nach dem bestialischen Abschlachten von Walen – sondern vor allem deshalb, weil man so lange das Offensichtliche versucht hat unter den Scheuklappen nicht zu sehen.

Überfischung. Der zerstörerische Einfluss des industriellen Fischfangs auf die Ökosysteme unserer Meere. Herrenlose Fischernetze um den Hals von Schildkröten. Massenhaftes Aussterben der Tierarten im Meer. Riesige Kutter, mit kilometerlangen Schleppnetzen, die den Meeresboden aufwühlen und alles mitreißen. Wissen wir alles.  

Auch das wissen wir: Anarchie auf den Meeren. Piraterie. Sklaverei und Ausbeutung der Fischer. Keiner kann wirklich kontrollieren, was auf den Kuttern nachts alleine auf dem Meer passiert. Qualitätssiegel wie MSC und Co. können nichts garantieren, da es zu wenig Kontrolle gibt. Einige Umweltverbände hängen offensichtlich mit drin und werden vom Wirtschaftszweig Fischerei bezahlt. Sie können sich Aussagen wie „Die beste Option ist es, keinen Fisch mehr zu essen und das Meer einfach in Ruhe zu lassen“ daher nicht leisten. 

Ja, die Dokumentation ist etwas einseitig. Wenn man sie gesehen hat, kann man entweder nie wieder Fisch essen, oder man ist ein Riesenarsch. Mehr bleibt nicht. Wie man vielleicht „sinnvoll und nachhaltig“ Fisch konsumieren kann, wird nicht erwähnt. Weil es wirklich nicht geht?! Das weiß man am Ende der Doku nicht recht. Andere Faktoren für die Zerstörung des Ökosystems Meer – die Klimaerwärmung, die Übersäuerung der Meere, schwimmende Plastikmüllteppiche so groß wie das Saarland – werden in der Doku heruntergespielt. Nähe und Sympathie des Regisseurs zu militanten Organisationen von Meeres-Aktivist:innen wie Sea Shepherd werden deutlich. 

Auch Greenpeace hat dazu einen langen Artikel herausgebracht und kommt zum Schluss, dass es einen großen systemischen Wandel braucht und auf Fisch (und Fleisch) zu verzichten alleine nicht ausreicht. Wohl wahr. Dennoch bleibe ich jetzt dabei: Lebe wohl, Fisch! Vermutlich werde ich dich noch nicht mal sehr vermissen… 

Bild: Screenshot Titelbild „Seaspiracy“ von Netflix